Abstracts

Andrea Bartl:
Androgynie in ausgewählten Werken Libuše Moníkovás

Auf den ersten Blick scheint das Thema der Androgynie nur einen Randbereich im Werk Libuše Moníkovás darzustellen. Bei genauerer Betrachtung führt es jedoch in das Zentrum ihrer Ästhetik: Die androgynen Figuren konstruieren - in an Kafka erinnernder Verzerrung - Selbstbilder der Autorin ebenso, wie sie die für Libuše Moníková existentielle Außenseiterrolle bezeichnen. Das Androgyne liefert keine dauerhafte, utopische Verschmelzung der Geschlechter mehr, sondern offenbart sich als brüchig und bedroht. Des Weiteren spiegelt es die Teilung Europas und die leidvolle Identitätsspaltung einer Autorin zwischen den politischen Systemen. Der Vortrag will darüber hinaus sichtbar machen, wie das Thema in ausgewählten Beispieltexten präsentiert wird. Libuše Moníková aktualisiert hier erneut Erzählakte des Mythos.

 

Helga G. Braunbeck:
Die Wege zu den Bildern, zu den Tönen, durch die Texte: Intermedialität im Werk Libuše Moníkovás

Film, Kunst und Musik sind allgegenwärtig in den Texten Libuše Moníkovás, in Form von Thematisierungen auf der Ebene der histoire als auch in Form von Simulationen auf der Ebene des discours. Die kumulative Evozierung anderer Kunstwerke macht sich die halluzinatorische Dimension solcher Texte zunutze und schafft, auch wenn die Textebene nicht verlassen wird, eine Art dritten Raum, der die Grenzen der Medien aufzubrechen sucht. Noch mehr als der Thematisierung gelingt dies der textuellen Simulation eines anderen Mediums, etwa durch Nachahmung von Filmtechniken, Ekphrasis, oder bei der Musik durch „imaginary content analogy“. Hinzu kommt bei Moníková noch die auffälllig oft eingesetzte Mehrfachkodierung, die ein komplexes Gewebe von Referenzen zwischen Kunstwerken in verschiedenen Medien erzeugt. Die die Intermedialität ohnehin schon oft begleitende und unterstützende Intertextualität trägt auch bei Moníková wesentlich dazu bei, dass die Transposition vom anderen Medium ohne Zerstörung des dominanten Mediums erfolgt. Die von Moníková angestrebte Intermedialität erzeugt zugleich eine Selbstreflexivität und Metafiktionalität, die wiederum den ästhetischen Ausdruck ihrer Werke bereichert.

 

Hanna Bubenièek:
Spiegelungen: Zur Metamorphose der Amazonen in Texten von Libuše Moníková

In den Texten („Pavane für eine verstorbene Infantin“, „Die Fassade“, „Verklärte Nacht“) variiert Libuše Moníková das Motiv der Königin und der Amazonen, bzw. der Fürstin Libussa/Libuše und des böhmischen Mädchenkriegs. Als „Flaneur im Garten der Mythologie“ (Renate Schleier) bewegt sie sich damit gegen die Einbahnstraßen von Pseudoaufklärern, die das widerständige Potenzial dieses Themas „ins Mythische“ abschieben wollen ebenso wie gegen dessen ideologische Instrumentalisierungen. Der Mädchenkrieg der böhmischen Amazonen steht unter anderem auch für den gescheiterten Widerstand in den Erfahrungen der persönlichen und der tschechischen Geschichte, während die Amazonen Sibiriens im Reiche der Phantasie einen subversiven Gegenpol zum bürokratischen Sozialismus darstellen. Die Re-vision verdrängter Geschichte, der Gang durch die Unterwelt führt allerdings auch zur Demontage eines vielfach instrumentalisierten Idols: der geopferten Heldin. Die innere Dramaturgie der Ich-Erzählerin lässt sie dabei zugleich als Königin, Opfer und Henker, als Wunde und chirurgisches Messer (Jean Starobinski) in der Rolle des tragischen Clowns erscheinen. In den kontrapunktischen Passagen der Fieberträume in „Verklärte Nacht“ assoziiert sie das Geschick Libušes und der böhmischen Amazonen mit der ägyptischen Königin Hatschepsut: damit signalisiert sie sowohl ihre Affinität zum Werk Ingeborg Bachmanns als auch die universale Problematik der Auslöschung von Frauen im historischen Gedächtnis.

 

Renata Cornejo:
Libuše Moníková - die Rezeption in Tschechien

Im Rahmen des Beitrags wird der Rezeptionsweg von Libuše Moníkovás Werk in ihrem Heimatland nachgezeichnet. Dabei werden v. a. die Schwerpunkte der tschechischen Literaturkritik zu ihren Lebzeiten und nach ihrem Tod herausgearbeitet, bzw. wird der Vergleich zur deutschen Literaturkritik gezogen. Weiterhin wird der Frage nach den Gründen für die verspätet ansetzende Rezeption in Tschechien nachgegangen und die Hypothese aufgestellt, dass diese Tatsache einerseits darauf zurückzuführen ist, dass ihre Werke bis jetzt kaum dem tschechischen Leser in der tschechischen Übersetzung zugänglich sind, andererseits mit ihrer Sonderposition unter den nach 1968 emigrierten Exilautoren sowie ihrem Selbstverständnis als deutsche Autorin eng zusammenhängt.

 

Sibylle Cramer:
„Heydrich war schon im Lande, und der Terror wurde systematisch“. Tschechische Geschichte als Literatur im Werk Libuše Moníkovás

Libuše Moníkovás Geschichten aus der tschechischen Geschichte schreiben wie alle Geschichtserzählungen die erlebte menschliche Zeit in die universelle Zeit ein. Die Erzählung macht es sich zur Aufgabe, die Unverwechselbarkeit und Einzigheit der Zeit zu bestimmen, indem sie das geschichtliche Sein refiguriert und es in den Rang eines geschichtlichen Bewusstseins rückt. Der Vortrag Heydrich war schon im Lande, und der Terror wurde systematisch. Tschechische Geschichte als Literatur im Werk Libuše Moníkovás versucht zu zeigen, wie reich die Ausdrucksmöglichkeiten der Autorin sind, wie sie zwischen konfigurierendem Akt und narrativer Zeit, zwischen historischen Aussageakt und historischer Erzählung, zwischen Erzählung und Ereignis, erzählter und besprochener Welt, Textzeit und Sprechzeit ihr Spiel mit der Zeit entfaltet und tschechische Geschichte im europäischen Maßstab darstellt.

 

Jürgen Eder:
„Es schreibt sich besser über Grönland als über Semmering“. Der ‚Eis‘-Diskurs im Werk Libuše Moníkovás

Libuše Moníková hat in einer reizvoll-rätselhaften Kurzcharakteristik über „Fassade“ und „Treibeis“ gesagt, daß sie „Schnee, Kälte, Eis und Weite gemeinsam“ hätten. In der Tat erschließt sich der genauen Lektüre fast so etwas wie ein eigenständiger „Eis“- und „Kälte“-Diskurs, der gar nicht auf die beiden genannten Werke begrenzt werden muß. In ihrem Grönland-Fernseh-Essay für das ZDF hat Monikova das symbolhafte Potential dieser Welten ausdrücklich in Verbindung zu ihrem Schreiben gebracht: „Eisberge können mich zum Träumen bringen, manchmal zum Schreiben.“ Dieser Äußerung wird der Vortrag auf verschiedenen Ebenen folgen: zunächst im Kontext literarischer Tradition, dann in Hinsicht auf seine geschichtlichen und politischen wie ästhetischen Perspektiven. Vielleicht liegt am Ende dieses Weges die Feststellung, daß Böhmen nunmehr im Eismeer liegt?

 

Christa Gürtler:
Körperbilder im Werk Libuse Moníkovás

In den Gender Studies lässt sich ein neues Interesse am Körperdiskurs verfolgen, der sich am realen Körper orientiert, in dem sich über Bilder, Krankheiten die gesellschaftlichen Zurichtungen sichtbar ausdrücken.
In den beiden ersten Büchern von Libuse Moníková „Die Schädigung“ (1981) und „Pavane für eine verstorbene Infantin“ (1983) werden weibliche Körpererfahrungen als Erfahrungen von Beschädigungen und Verletzungen thematisiert, während in den späteren Werken die Protagonisten der Texte Männer sind.
Der Vortrag möchte an exemplarischen Beispielen Moníkovás Körperkonzept als Medium der Erinnerung, als Körper-Gedächtnis nachzeichnen, aber auch die Frage nach der geschlechtlichen Kodierung der Körperbilder stellen.

 

Brigid Haines:
„Böhmen liegt am Meer“: Ein literarisch-politisches Motiv bei Shakespeare, Franz Fühmann, Ingeborg Bachmann und Libuše Moníková

Franz Fühmann, Volker Braun, Ingeborg Bachmann und Moníková bedienen sich des metaphorischen Potentials einer Verlegung Böhmens ans Meer. Alle gehen bewußt mit Shakespeares Texten um; genauso wie bei Shakespeare selber signalisiert Böhmen am Meer in ihren Werken nicht so sehr einen Ausweg aus der Politik, als vielmehr ein Mittel, indirekt über politische Probleme zu reflektieren. In ihren Überlegungen über die Rolle der Ideologie und den Lauf der Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert beweisen sie alle, dass das Kartographieren zu bedeutsam ist, als das man es den Kartographen, den Politikern und (in dem Zeitalter des globalen Kapitalismus) den wirtschaftlichen Interessen überlassen darf.

 

Kvìtoslava Horáèková:
Hinter Worten versteckte Töne

Zwar beziehen sich Titel zweier Romane Moníkovás auf die Musikwerke „Pavane für eine verstorbene Infantin“ und „Verklärte Nacht“, doch gehören Musikmotive nicht zu den häufigsten und typischsten Themen ihrer Bücher. Die Töne Ravels, Schönbergs und Janáèeks inspirieren und begleiten die Hauptfiguren in den erwähnten Romanen, Musik ist jedoch auch in ihren übrigen Werken zu finden. Musik dient der Autorin vor allem bei der Illustration der emotionalen Lage der Protagonisten und Protagonistinnen. Die Reflexionen einzelner Musikwerke wollen nicht Konzertführer, sondern Begleiter bei emotionalen Erlebnissen sein.

 

Braòa Kriváòová:
Tetom und Tuba: ein feministisches Festmahl

Mit einem einzigartig geprägten künstlerischen Stil schafft Libuse Moníková ihre als Ein Volksdiskurs nach Nestroy und anderen Wienern bezeichnete Parodie Tetom und Tuba, die auf Nestroys Häuptling Abendwind oder das greuliche Festmahl (1862) und Freuds Totem und Tabu (1913) beruht. Die Autorin filtriert die Festmahl-Szene, die in beiden Werken vorkommt, und verwendet sie für ihre feministischen Zwecke. Sie bereitet ein feministisches Festmahl vor, in dem sie Freuds Psychoanalyse und westliche Wissenschaften nicht nur in ihrer sexistisch patriarchalen Nacktheit zeigt, sondern sie auch mit einer Portion von beißendem Humor dekonstruiert. Der auf eine undogmatisch feministische und hellwach politische Weise (Delius) konzipierte Entmannungsprozess, in dem sich die westliche Psychoanalyse selbst widerlegt, kann auch allegorisch als Kannibalismus der Theorie und Wissenschaften interpretiert werden. Diese durch eine feministische Dekonstruktion erreichte Anthropophagie stellt den Schwerpunkt meiner Untersuchung dar.

 

Alena Lejsková:
Das Tschechische als Paradigma in der literarischen Sprache Libuše Moníkovás: Die Funktion der tschechischen Lexik

Libuše Moníková hat kein einziges Buch auf Tschechisch veröffentlicht und begann erst in deutscher Sprache zu schreiben. Das Tschechische wirkt sich aber auf die sprachliche Verarbeitung der Themen nicht nur auf lexikalischer Ebene aus, sondern auch auf der syntaktischen Ebene, was man sowohl an der Autoren-, als auch an der Figurensprache bemerken kann. Anspielungen auf tschechische Literatur, Geschichte, Mythen und politische Entwicklung des 20. Jhds., Zitate (nicht nur in Tschechisch) mit oder ohne Übersetzung und verschiedene Sprachspielereien machen aus ihren Werken auch sprachlich einen Genuss, besonders für den sachkundigen Leser. Völlig auskosten kann ihr Werk aber wahrscheinlich nur derjenige, dem tschechische Realien bekannt sind und der die politische Entwicklung Tschechiens im 20.Jhd. am eigenen Leibe miterlebt hat.

 

Zdenìk Mareèek:
Das Montageprinzip bei Libuše Moníková und Arno Schmidt

Mein Leben ist eine Abfolge von Literatur- und Filmszenen, willkürliche Zitate, die ich nicht immer gleich anordnen kann. Die Gleichsetzung des Lebens der Ich-Erzählerin Francine Pallas (Pavane für eine verstorbene Infantin) mit willkürlichen Zitaten aus Gelesenem und im Kino Erlebten spiegelt ihre resignative Einstellung zum Leben wider. Das Rettende sucht sie in der Welt der Literatur, des Films und nicht zuletzt der Geschichtsbilder, die für sie ein verlässlicheres Identifikationsangebot darstellen als die wenig befriedigende Realität. Aus scheinbar willkürlichen Zitaten bestehen auch ausgedehnte Teile in Moníkovás Büchern. Der Vergleich des Montageprinzips bei Moníková und Arno Schmidt könnte ebenfalls willkürlich anmuten, gäbe es nicht die Äußerung von Francine Pallas, Kafka und Arno Schmidt seien beide ihre Widersacher und ihre Stützen. Die ambivalente Haltung Moníkovás zu Arno Schmidt soll - vorläufig nur tastend und etwas spekulativ - rekonstruiert werden, nicht zuletzt darum, weil ihr eigenes ausführlicheres Statement dazu, z. B. anlässlich der der Übernahme des Arno Schmidt-Preises, schon ausgeblieben ist: Der Preis wurde ihr paradoxerweise am 12. 1. 1998, an ihrem Todestag, zuerkannt.

 

Dana Pfeiferová:
Der Schriftsteller und das Gewissen des Volkes. Der Einfluß der tschechischen ‚Realien‘ auf die (Selbst-)Bildnisse der KünstlerInnen im Werk von Libuše Moníková

Libuše Moníkovás (Selbst-)Darstellungen der KünstlerInnen reflektieren in großem Maße die Kulturgeschichte Böhmens. Diese Bildnisse sind durch extreme Pole geprägt: sie bewegen sich von den Positionen der Aufopferung für das Wohl des Volkes - vom Topos des Schriftstellers als Gewissen des Volkes als eine historische und ethisch bedingte Ausprägung der Selbstaufgabe für die Kunst - und dem damit verbundenen Pathos der elitären hellseherischen Position als Stimme des Volkes einerseits über Infragestellung dieser Positionen in Bildern der Verstümmelung des sprechenden Subjektes bis zur Ironisierung und Karnevalisierung dieser Positionen andererseits. Im Zusammenhang mit der gewählten Zitierung der kulturgeschichtlich bedingten Rolle der KünstlerInnen in der (tschechischen) Gesellschaft und ihrer Überprüfung wechselt die Autorin auch ihren Sprachduktus - davon kann man ablesen, welche Bedeutung die Dichterin den tschechischen „Realien“ für ihre Poetologie beigemessen hat und welchen Platz sie in ihrer Poetik des Widerstands einnehmen.

 

Klaus Schenk:
Romanpoetik bei Libuše Moníková

Seit ihren erzählerischen Anfängen hat Libuše Moníková ihre Texte auf eine moderne Romanprosa hin orientiert. Einige Modelle wurden von ihr selbst genannt, darunter Kafkas Process. Besonders die episodische Kapitelaufteilung habe das Vorbild gegeben für ihr frühes Werk Eine Schädigung. Montageverfahren, essayistische Passsagen sind in weitere Prosawerke eingegangen. Besonders im Roman Die Fassade läßt sich die Bemühung um die Großform des Romans erkennen. Auch aus literaturtheoretischer Perspektive wird daher nach der Sujethaftigkeit der Erzählstruktur zu fragen sein - bilden doch Grenzen und Grenzüberschreitungen eine zentrale Rolle in diesen Texten. So kann Moníkovás Prosa verstanden werden als Poetik eines Schreibens, das die sprachlichen und kulturellen Grenzüberschreitungen der Migration auch strukturell in die Konzeption ihrer Romane aufnimmt.

 

Karin Windt:
„Sie zeichnen zurück!“ Kulturelle Widerstandshandlungen und poetische Annektionen bei Libuše Moníková

Die imaginative Praxis, selbstbewußt staatsherrschaftliche Gesten zu mimen, und die Linien auf dem Kartentisch neu zu ziehen, verbindet Geschichte und Politik mit Kultur und literarischer Phantasie. Die Perspektive ist unentschieden zwischen politisch einzäunender (Staats-)Gewalt und poetischem Weitblick bis übers Meer. Sie richtet sich aber jedesmal auf die Geschichte und artikuliert Möglichkeiten, an deren historisch-politisch-kultureller Überlieferung weiterzuzeichnen.
Auch Moníkovás Figuren hegen solche Phantasien territorialer Übernahme, mit denen sie ihre fiktionalen Wünsche, Vorschläge und (Rück-)Forderungen an Geschichte, Politik und Kultur inszenieren. Der Machtgestus ihrer Gebietsansprüche ist dabei je durch Ironie und literarische Anspielungen gebrochen. Diesen poetischen Annektionen möchte ich nachgehen und zeigen, daß und wie sie sich als kulturelle Widerstandshandlungen plazieren und etwas ins Recht setzten wollen - auf imaginiertem Areal, nicht im Katasteramt verbürgt. Was wird genommen und gewonnen? Abschließend ist zu fragen, ob auch etwas gegeben wird. Welche Kulturgabe stellen die Texte dar?

 

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